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Warum ich male wie ich male

Es gibt Augenblicke, die das Leben nicht verändern.Und es gibt jene wenigen, von denen man erst Jahrzehnte später erkennt, dass sie bereits alles enthielten.Für mich geschah ein solcher Augenblick im Jahr 1980.Nicht in einem Museum.Nicht in einem Atelier.Nicht in einem philosophischen Seminar.Sondern in einer Berliner Telefonzelle.Ich wollte telefonieren.Stattdessen wurde ich angerufen.Nicht von einem Menschen.Von einem Satz.In den gelben Metallrahmen war eingeritzt:„Ich bin nicht das, was ich bin. Ich bin das, was ich nicht bin.“Damals verstand ich diesen Satz nicht.Aber er verstand mich.Er traf etwas, das ich weder benennen noch erklären konnte.Ich war ein junger Chirurg.Ich glaubte zu wissen, wer ich war.Doch plötzlich entstand zwischen dem, der ich war, und dem, der ich noch werden konnte, ein Raum.Dieser Raum ließ mich nicht mehr los.Heute weiß ich:Nicht der Satz war entscheidend.Entscheidend war die Erfahrung, dass Identität niemals abgeschlossen ist.Aus dieser Irritation entstand zunächst meine Malerei.Später entwickelte sich daraus die Vorstellung von der Fragilität des Seins.Noch später der Gedanke vom Menschen als Codex.Und schließlich das Palimpsest:dass das Neue nicht entsteht, weil das Alte verschwindet,sondern weil es neu gelesen wird.Wenn ich heute übermale,überarbeite,verwerfe,erneut beginne,dann tue ich letztlich nichts anderes als das,was jener Satz 1980 zum ersten Mal mit mir getan hat.Er hat mich gelehrt,mich nicht als fertigen Menschen,sondern als fortwährend lesbaren Menschen zu verstehen.Vielleicht male ich deshalb bis heute.Nicht um Bilder fertigzustellen.Sondern um diesem Werden weiter zuzusehen.

Ro de Wals 02.07 2026

Werkstatt des Denkens

Philosophie entsteht selten in einem einzigen Gedanken. Sie wächst in Schichten – wie ein Bild, das über Jahrzehnte immer wieder übermalt wird. Wenn ich heute vom Menschen als Codex, vom Palimpsest und von der Fragilität des Seins spreche, dann formuliere ich keine Theorie, die ich eines Tages beschlossen habe. Diese Gedanken sind vielmehr langsam entstanden. Oft wusste ich beim Schreiben eines Textes noch nicht, wohin er mich Jahre später führen würde. Die nachfolgenden Beiträge sind deshalb keine abgeschlossenen Aufsätze. Sie dokumentieren Stationen eines langen Nachdenkens über Bild, Sprache, Erinnerung und menschliches Werden. Rückblickend erkenne ich, dass jeder dieser Texte bereits etwas enthielt, was ich damals noch nicht vollständig verstehen konnte. Erst im Zusammenhang bilden sie eine lesbare Spur – einen Codex der eigenen philosophischen Entwicklung. Vielleicht verhält es sich mit Gedanken nicht anders als mit meinen Bildern: Jede neue Schicht verändert die früheren, ohne sie auszulöschen. Das Frühere verschwindet nicht. Es wird neu lesbar.

„Als das Wort seine Bedeutung offenbarte – Analyse einer Erfahrung in den USA und Kanada“  

I. Das Bild 

Ein Bild beginnt nicht mit Farbe. Es beginnt mit einem Bruch. 
Mit einem Riss im Gewebe der Gewissheit, einem leisen Innehalten im Strom der Wirklichkeit. Es ist da – nicht als Objekt, sondern als Ereignis. Es schaut zurück. Es stellt sich nicht zur Verfügung. Es fragt nicht nach Sinn, aber es ruft nach Aufmerksamkeit. 

 

Was sich zeigt, ist keine Szene, kein System. Ein Bild ist nicht geordnet. Es ist nicht logisch, nicht linear. Es zerfällt beim Sehen, verschiebt sich mit jedem Blick, zieht sich zurück, wenn man ihm zu nahe kommt. Es besitzt weder Zentrum noch Peripherie – nur ein Feld von Möglichkeiten, das sich jeder Festlegung entzieht. Und doch berührt es. Nicht weil es verständlich ist, sondern weil es uns berührbar macht. Weil es dort wirkt, wo Sprache noch tastet. Das Bild stellt sich als etwas dar, das nicht im Raster des Wissens liegt. Es ist Chaos der Formen, ein rätselhaftes Durcheinander ohne Sinn, ohne klare Mitte – und gerade darin liegt seine eigentliche Funktion: Es destabilisiert das Gesehene, es entreißt uns die Namen. Was wir zu erkennen glaubten, wird fremd. Was vertraut schien, verrutscht. 
Und das ist kein Fehler, sondern eine Einladung: zur Gegenwärtigkeit ohne Erklärung. Denn was bleibt, ist nicht Erkenntnis, sondern Präsenz. 

Das Bild hält uns nicht an, um verstanden zu werden – es hält uns an, damit wir sehen. Jedes Bild ist ein Möglichkeitsraum. Es legt keine Bedeutung offen, sondern eine Vieldeutigkeit frei, die das Denken in Bewegung hält. Es zwingt uns nicht zur Antwort, sondern zur Wahrnehmung. Und gerade weil es nichts „sagen“ muss, hat es die Macht, in uns lange nachzuhallen. 

Vielleicht ist das Bild die ehrlichste Form des Schweigens. Nicht leer – sondern wach. Nicht stumm – sondern still. Und in dieser Stille beginnen wir, anders zu atmen. Und sehen. 

II Das Wort 

Aber es wird gemunkelt – von jenen, die mit offenen Händen denken – dass Sprache, wenn sie nicht greift, sondern empfängt, mehr sein kann als ein System von Zeichen. Dass sie, in seltenen Momenten, zu einem Alchemisten wird, der das flüchtige Licht des Bildes in bleibende Worte verwandelt. 
 

Dann erhält das Bild einen Titel – nicht als Etikett, das fixiert, sondern als ein poetischer Impuls, der nicht schließt, sondern öffnet. Der etwas in Gang setzt, ein Echo erzeugt, das über das Bild hinausweist. Dieser Titel ist kein Begriff, keine These – er ist eine feine Spur, eine Verdichtung, ein Hinweis auf das Unsichtbare im Sichtbaren. 

Aus dem Schweigen des Bildes steigen Worte auf, die nicht erklären, sondern begleiten. 
Sie sind wie Samen, die in die Erinnerung sinken, sich dort verankern und mit der Zeit ihre eigene Form entfalten: als Metapher, als Allegorie, manchmal als Gedicht. 

 

Sprache, in diesem Sinn, ist keine Macht über das Bild, sondern Resonanzraum. Sie beugt sich nicht darüber – sie legt sich daneben. Sie fragt nicht: „Was bedeutet das?“ Sondern: „Was bedeutet es – für dich, jetzt?“                   Und dort beginnt das Spiel der Metaphern. Nicht als Verzierung, sondern als Brücke zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen. Zwischen dem, was das Auge erkennt, und dem, was sich im Inneren bewegt. Metaphern schaffen Übergänge – keine Grenzen. Sie verschieben Bedeutung, lassen sie fließen, ohne sie zu verlieren. 

Unser gesamtes Denken, unsere Sprache, unser Weltverständnis ruht auf diesem feinen Gerüst: auf der Fähigkeit, Dinge anders zu sehen, anders zu sagen, anders zu empfinden. 

Bild und Wort stehen einander nicht gegenüber. Sie sind zwei Arten, sich der Welt zu nähern. Zwei Instrumente, die nicht identisch klingen, aber miteinander schwingen. Sie greifen in das Gewebe des Alltäglichen und bringen darin etwas zum Vorschein, das zuvor unbeachtet blieb. Vielleicht ist das ihre gemeinsame Gabe: Nicht das Unsagbare zu sagen – sondern es spürbar zu machen. Nicht das Flüchtige festzuhalten – sondern es so zu zeigen, dass es bleibt. 

                                                                                                   

                                                                                                   

                                                                                                  Cleveland 06/30/89 (Museum of Art) 

                                                                                                                                        Ro de Wals 

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